Ein Album von Alanis Morissette hat sich so gut verkauft wie die gesamte Diskografie von Taylor Swift, stellte das Magazin der “New York Times” vor Kurzem fest. Das Album heißt “Jagged Little Pill”, erschien vor 25 Jahren, und eigentlich wollte Morissette, heute 46, zu einer Jubiläumstour aufbrechen. Wir alle wissen, warum das nicht geschah. Dafür hat Morissette jetzt ein neues Album veröffentlicht, “Such Pretty Forks In The Road”. Es ist ihr neuntes. Acht Jahre veröffentlichte sie keine Platte, in dieser Zeit wurde sie dafür unter anderem zum zweiten und dritten Mal Mutter, zog von Los Angeles nach San Francisco, schrieb als Kolumnistin für den “Guardian” und startete einen Podcast.

SPIEGEL: Frau Morissette, was machen Sie, wenn plötzlich Ihr Hit “Ironic” im Autoradio läuft?Alanis Morissette: (Lacht.) Ich würde ihn ausmachen, mein Mann und mein Sohn würden aber wieder einschalten und laut aufdrehen.

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Alanis Morissette: “Eine meiner größten Süchte ist die Arbeitssucht”

Foto: Sven Hoppe/ DPA

SPIEGEL: Können Sie den Song nicht mehr hören?Morissette: Ich habe ihn nie gehört. Ich meine, ich höre mir meine Musik viel an, wenn sie gemischt wird. Aber im Allgemeinen höre ich meine Musik nicht, obwohl ich sie liebe.SPIEGEL: Wieso nicht?Morissette: Ich mag es, mich auszudrücken und etwas zu hinterlassen, mich dann aber weiter zu bewegen: Wozu will ich als Nächstes etwas mitteilen? Es ist nicht so, dass ich meine Stimme nicht gerne höre. Ich höre ihr wirklich gerne zu. Und es gibt Zeiten, in denen mir Songs helfen, die ich zehn Jahre vorher geschrieben habe. Lieder, bei denen ich mich nicht einmal mehr daran erinnern kann, sie geschrieben zu haben, weil das so schnell ging, trösten mich dann, manchmal führen sie mich auch zu einer neuen Erkenntnis.

SPIEGEL: Als “Jagged Little Pill” rauskam, das Album, das sie berühmt machte, waren Sie Anfang 20. Welchen Rat würden Sie der Alanis Morissette von damals geben?Morissette: Ich würde ihr gerne Leute zur Seite stellen, die über ihr Wohlergehen wachen. Darüber, dass sie auf sich achtet.

Titel: Such Pretty Forks in the Road

Label: RCA DEUTSCHLAND

ca. 13,93 €

Preisabfragezeitpunkt
01.08.2020 12.39 Uhr
Keine Gewähr

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SPIEGEL: Haben Sie damals nicht auf sich geachtet?Morissette: Eine meiner größten Süchte ist die Arbeitssucht. Als ich, sagen wir mal, als 21-Jährige in Europa war, lief das in etwa so ab: Tagsüber habe ich Promo gemacht, habe eine Show gespielt, mit meinen Freunden ein bisschen gefeiert und kam dann zurück ins Hotel. In Amerika war dann Tag. Also blieb ich die ganze Nacht auf und kommunizierte mit meinem amerikanischen Team. Und dann wurde es Morgen. Ich habe also so gut wie nie geschlafen und die ganze Zeit gearbeitet. Seltsamerweise war ich aber sehr glücklich.

“Ich habe einfach das Gefühl, dass es nicht der Wirklichkeit entspricht, mich als jemanden darzustellen, der alles im Griff hat”

SPIEGEL: Auf Ihrem neuen Album “Such Pretty Forks In The Road” singen Sie auch über Süchte und Depressionen. Das sind Themen, über die Sie offen sprechen. Den meisten Menschen fällt das eher schwer. Warum ist das bei Ihnen anders?Morissette: Ich habe festgestellt, dass es sich ermächtigend auswirken kann, wenn ich authentisch damit umgehe, was bei mir gerade los ist. Ich habe einfach das Gefühl, dass es nicht der Wirklichkeit entspricht, mich als jemanden darzustellen, der alles im Griff hat, weil in mir drin immer eine gewisse Intensität herrschte. Es gehört außerdem zu meiner Arbeit, etwas schwer Verständliches zu nehmen und zu versuchen zu artikulieren, was vor sich geht.

SPIEGEL: Es scheint, als wäre es Ihnen Mitte der Neunziger gelungen, das damalige Lebensgefühl junger Frauen in Ihren Songs zu artikulieren. 1995 zeigte der “Rolling Stone” Sie auf dem Cover, die Zeile lautete “Angry White Woman”. Heute haben wir Bewegungen wie #MeToo, weibliche Selbstermächtigung ist zu einem wichtigen Thema unserer Zeit geworden – auch in der Popmusik. Sehen Sie das auch als Ihr Verdienst?Morissette: Ich glaube, ich habe einen großen Teil dazu beigetragen. Ich ritt auf der Spitze einer Welle. Als wir damals mit “You Oughta Know” (eine der Hitsingles von “Jagged Little Pill”, Anm. d. Red.) an die Radiosender herantraten, lautete deren Antwort: “Nein, wir können das nicht spielen. Wir spielen schon Sinéad O’Connor.” Oder: “Wir haben unsere Frauenquote erfüllt, wir spielen Tori Amos.”SPIEGEL: Weil schon eine andere Frau im Programm lief, wurden Sie abgelehnt?Morissette: Ja, das ist mehr als einmal passiert. Ich bin froh darüber, dass das heute nicht mehr der Fall ist. Mit “Jagged Little Pill” warfen Platten von Frauen jedenfalls plötzlich Gewinne ab. Und ein Großteil des Patriarchats so: “Uh, Geld! Holen wir sie uns.” So sehr das also feministische Veränderung war, so sehr war es auch eine wirtschaftliche.

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SPIEGEL: “Isn’t it ironic?” sangen Sie vor in Ihrem Hit 1995. Leben wir heute in Zeiten, in denen wir mehr Ironie vertragen könnten – oder lieber mehr nüchterne Klarheit?Morissette: Kommt drauf an, was Ihnen fehlt. Wenn die Dinge in Ihrem Leben ein wenig deprimierend sind, würde ich etwas Leichtigkeit einstreuen. Es ist immer eine Frage der Überlebensstrategie: Einige von uns verdrängen. Einige von uns laufen davon. Einige von uns versuchen, alles zu kontrollieren. Meine Überlebensstrategie ist normalerweise der Versuch, sich mit den Dingen anzufreunden oder zu verhandeln. Nur, so sehr ich es auch versucht habe: Mit einer Pandemie etwa kann man nicht wirklich verhandeln.
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